Konsens
Solidarität und Gleichberechtigung beginnen bei Kommunikation und Entscheidungsfindung. Darum ist es uns wichtig, aktuelle Themen und Fragen im Plenum nach dem Einstimmigkeitsprinzip anzugehen. Hierbei achten wir darauf, dass jede_r die Möglichkeit erhält, die eigenen Ansichten darzulegen und erarbeiten gemeinsam so lange Vorschläge und Ideen, bis alle die erarbeitete Entscheidung mittragen.
Offenheit, Vertrauen, Sensibilität und eine verantwortungsvolle selbst-reflektierende Haltung sind die Grundpfeiler, auf denen dieses Entscheidungsprinzip fußt und unabdingbar für einen zufriedenstellenden Umgang, sowohl mit den diskutierten Themen, als auch untereinander.
Eigentum
Wir sprechen uns gegen Eigentum aus. Deshalb werden wir häufig gefragt: „Soll uns unser Haus und unsere Wohnung weggenommen werden?“. Dazu sei vorweg angemerkt, dass diese Frage insofern schief ist, als sich in einer anarchistischen Gesellschaft gar nicht stellt. So wie Fußball nach anderen Regeln abläuft als Handball, existieren bestimmte – konfliktträchtige – Konstellationen divergierender Interessen einer herkömmlich marktwirtschaftlich organisierten Gesellschaft im Anarchismus nicht.
Die Frage „wollt ihr uns unser Haus wegnehmen“ beantworten wir mit einem klaren Nein, wenn es um angemessenen Wohnraum geht, den ja jeder braucht, und bejahen sie, wenn es um den Missbrauch von Wohnraum als Spekulationsobjekt und Kapitalanlage für Reiche auf Kosten der Bewohner*innen geht.
Anarchist*innen wollen, dass sich alle Menschen der Dinge sicher sein können, die sie zu ihrer persönlichen Lebensführung bedürfen. Genau betrachtet bietet eine anarchistisch organisierte Gesellschaft sogar eine größere Sicherheit, denn sie schützt vor Wohnraumverlust durch profitorientierte Verwertungen (Mieterhöhungen, Kündigungen, Verkauf). Sie stützt sich dazu nur nicht auf das fragwürdige rechtliche Konstrukt des Eigentums, wie es heute definiert ist, das im Ergebnis nur einer kleinen Zahl von Menschen Vorteile zulasten der Mehrheit der Bevölkerung verschafft. Habt ihr mal ausgerechnet, wie viel Prozent eures Nettolohns für die Miete draufgeht. Eine Größenordnung habt ihr, wenn ihr euch vor Augen für, dass Menschen, die in über das Mietshäusersyndikat finanzierten Wohnungen leben, nur ca. 40% der Nettokaltmieten zahlen, die in den von Privaten gewinnorientiert bewirtschafteten Nachbarhäusern zu zahlen sind.
In einer anarchistischen Gesellschaft(sordnung) ist genug für alle da. Das hört sich erst einmal naiv an, ist aber nichts desto trotz richtig. Der unfassbare Reichtum einiger Weniger (also die Ansammlung von Eigentum(srechten) – hochtrabend nennen sie es Kapitalakkumulation) wird aufgelöst und allen Menschen zur Verfügung stehen. Damit stellt sich die Mehrzahl der heutigen „Verteilungskämpfe“ von vornherein nicht. Wohnungen „gehören“ dann denen, die darin wohnen. Selbstverständlich gehört es zu den Aufgaben einer anarchistischen Gesellschaft darauf zu achten, dass der Wohnraum bedarfsgerecht verteilt ist. Wenn z.B. eine Familie mit fünf Kindern in einer 180 qm großen Wohnung wohnt, ist es nicht richtig, dass die Eltern dort bis an ihr Lebensende weiter wohnen, wenn alle Kinder aus dem Haus sind und gleichzeitig – wie in jeder Großstadt – Wohnraumnot besteht.
Ist es utopisch unrealistisch, dass Grund und Boden und damit Häuser und Wohnungen niemanden „gehören“? Legt mensch den heutigen Zeitgeist zugrunde, lautet die Antwort: Ja. Aber machbar ist es ohne weiteres, schließlich war dies auch in Deutschland in früheren Zeiten schlicht Realität. Individuelles Eigentum an landwirtschaftlich genutzten Grundstücken war dem deutschen Recht in früher Zeit fremd (über andere Rechtsordnungen wissen wir zu wenig). Felder, Wiesen und Wälder standen im ungeteilten, gemeinschaftlichen Eigentum der Dorf- oder Markgenossen. Selbst als mensch anfing, Einzelnen bestimmte Flächen zur Nutzung zuzuweisen, blieb die „gemeine Mark“ (Viehweiden, Waldungen, Wege, u. ä.) gemeinschaftliches Eigentum (sog. Allmende¹). Das zeigt: Selbstverständlich ist es ein praktisch mögliches Unterfangen, Grund und Boden zu organisieren, ohne ihn Einzelpersonen zuzuordnen. Einzige praktische Voraussetzung ist, dass die Menschen dies wollen – wir wollen es, damit die – wenn mensch sich die heutige Verteilung von Grund und Boden sowie sonstigem Vermögen ansieht: unfassbare – Bereicherung Einzelner an denen, die nicht zu den Profiteuren des heutigen Systems gehören, ein Ende hat! Selbstverständlich braucht es für eine so grundlegende Umgestaltung einer Gesellschaft viel, viel Zeit. Aber: Im 18. Jahrhundert hätte sich auch niemand in Europa wirklich vorstellen können, dass die vorherrschenden absolute Monarchien von demokratischen Verfassungen abgelöst werden, wie wir sie heute haben. Lasst uns nicht stehen bleiben, sondern den eingeschlagenen Weg weitergehen – dann bleibt Anarchie nicht nur ein Traum.
Für die Freiheit, für das Leben!
1) Siehe Hartmut Zückert: Allmende und Allmendaufhebung. Vergleichende Studien zum Spätmittelalter bis zu den Agrarreformen des 18./19. Jahrhunderts; Quellen und Forschungen zur Agrargeschichte. Band 47.
Gewalt
Wir streben eine Gesellschaft an, in der Gewalt keinen Platz hat. Denn Gewalt ist scheiße. Die wenigsten Menschen wenden gerne Gewalt an und wer sich gerne prügelt, soll das einvernehmlich im Ring tun. Leider leben wir noch nicht in einer Gesellschaft in der Gewalt keinen Platz hat. Offensichtliche körperliche Gewalt durch Bullen, Faschos und andere unangenehme Zeitgenoss*innen schlägt uns auf der einen Seite entgegen. Auf der anderen Seite übt der Staat tagtäglich strukturelle Gewalt aus. Durch Abschiebungen, durch das Hartz-4-System, durch die militärische und „diplomatische“ Außenpolitik.
Wie aber stehen die Libertären H-Burg zu Gewalt, die abstrakte Form von struktureller Gewalt einmal beiseitegelassen?
Gewalt, egal ob gegen Lebewesen oder gegen Sachen, zum Selbstzweck lehnen wir ab. Zwar glauben wir nicht, dass derdie medial viel beschworene „Krawalltouristin“ oder derdie „erlebnisorientierte Jugendliche“ im politischen Kontext von gesellschaftlicher Relevanz ist. Dennoch halten wir hier fest: Gewalt gegen Lebewesen ist scheiße und das letzte Mittel. Fakt ist aber auch: Wir wollen die Welt und die Gesellschaft radikal verändern, wir wollen eine Revolution in der die Macht des Kapitals gebrochen wird und alle Menschen ihre Freiheit gewinnen. Es wäre schön, wenn sich diese Revolution gewaltfrei durchführen ließe. Das halten wir aber für unwahrscheinlich. Denn der Staat und das Kapital haben Polizei und Armee auf Ihrer Seite und die Geschichte zeigt, dass sie beide Institutionen einsetzen um ihre Macht zu halten. Angenommen es käme zum Generalstreik und die Produktionsstätten würden besetzt, um Arbeiterinnen und Lohnabhängigen die Kontrolle über die Produktionsmittel zu sichern: Die Kapitalistinnen, also die Eigentümerinnen der Produktionsmittel, würden sich an den Staat wenden um sie zurück zu bekommen. Der Staat würde sein Gewaltmonopol“ einsetzen, um die Kapitalistinnen zu schützen, den nur so kann sich dieses künstliche Staatskonstrukt selbst am Leben erhalten. Wir müssen deshalb in der Lage sein, uns und unsere Politik zu verteidigen. Demonstrationen werden häufig von der Polizei angegriffen; sich dann zu verteidigen, erachten wir als legitim. Nazis, Rassistinnen und Faschist*innen schrecken auch vor äußerster Gewalt nicht zurück; sich gegen sie zu verteidigen, auch mit Gewalt, ist überlebensnotwendig. Die bis jetzt besprochenen Arten von Gewalt betrafen alle die Notwehr oder die Verteidigung von Strukturen. Auch klandestin vorbereitete oder offensiv vorgetragene Gewalttaten können legitim sein, wenn sie zweckgebunden sind. Ob einzelne Aktionen sinnvoll oder eben zweckgebunden sind, können wir aus der Ferne meist nicht beurteilen. Auch wenn einzelne Gruppenmitglieder sich sicher Meinungen zu bestimmten Aktion bilden, werden wir als Gruppe uns nicht zu solchen Aktionen äußern oder gar davon distanzieren. Letztendlich wurde zu diesem Thema, wie auch schon zu den meisten anderen politischen Themen schon alles gesagt und geschrieben. Wir schließen diesen Text deshalb mit einem Zitat des italienischen Anarchisten Errico Malatesta (1853-1932):
Selbst wenn wir die Lehre der Geschichte außer Betracht lassen, (die zeigt, daß niemals eine privilegierte Klasse von selbst auf alle oder auf einige ihrer Privilegien verzichtete, und daß niemals eine Regierung ihre Macht abtrat, wenn sie nicht durch Gewalt oder die Furcht vor Gewalt dazu gezwungen wurde), gibt es genug zeitgenössisches Beweismaterial, um jeden davon zu überzeugen, daß die Bourgeoisie und die Regierungen die Absicht hegen, bewaffnete Gewalt zu
ihrer Verteidigung einzusetzen, nicht nur gegen die Gefahr vollkommener Enteignung, sondern schon gegen die geringsten Forderungen der Massen, […].
Für jene, die sich zu befreien wünschen, ist nur ein weg offen: Sie müssen der Gewalt mit Gewalt begegnen.
(Aus: Ein anarchistisches Programm, 1920)
